Auf ein Wort mit Pola Polanski

Was hat Sie zu Ihrem Buch inspiriert? Was macht es besonders?

Ich wollte schon immer diesen ganzen Psychiatriebetrieb auf den Hebel nehmen. Deshalb ist  das Buch eine Komödie oder Tragikomödie geworden. Natürlich ist das Thema im Grunde genommen ernst, aber durch den humoresken Aspekt könnten mehr Leser gewonnen werden für dieses eher schwierige Thema, das in unserer Gesellschaft tabuisiert wird.

Wie würden Sie die Handlung in drei Sätzen skizzieren?

Die Protagonistin Inka Ziemer hat eine Schreibblockade und hält sich für die Schriftstellerin Virginia Woolf. Sie schreibt aber überhaupt nicht bis zum Ende des Buchs, als ihr schließlich der Geniestreich gelingt, über ihre eigene Schreibblockade zu schreiben – also eine Art Rondo.

Wieso hatten Sie das Bedürfnis über Schizophrenie und das Spannungsfeld zwischen Wahrnehmung und Realität zu schreiben?

Ich habe mich schon in jungen Jahren für Psychologie interessiert. Meine Mutter war damals in einer Klinik und hatte ein Buch mitgebracht: „Ich habe dir nie einen Rosengarten versprochen“ von Hannah Green. Ich glaube, ich war so um die 13 Jahre alt, als ich das gelesen habe. Damals wollte ich Psychologie studieren, aber das Fach „Statistik“ hat mich abgeschreckt, da ich in Mathematik schlecht war. So bin ich Künstlerin und Schriftstellerin geworden.

Was fasziniert Inka so an Virginia Woolf?

Virginia Woolf wird unter Schriftstellerinnen und Schriftstellern als Genie gefeiert. Außerdem war sie eine Wegbereiterin für die moderne Literatur, da sie in der neuen Technik des Bewusstseinstroms schrieb. Auch ihr Leben, das ausführlich biografiert wurde, ist alles andere als langweilig.

Glauben Sie, dass heute noch viel zu wenig über Schizophrenie und psychische Erkrankungen gesprochen wird?

Ja, ich glaube, dass die meisten Erkrankten ihre Diagnose gegenüber ihrem Arbeitgeber verschweigen. Sie könnten stigmatisiert werden. Auch die Medien sind nicht sehr hilfreich. Meistens taucht in Krimis der Schizophrene auf, der als derjenige Täter entlarvt wird, der im Wahn irgendjemanden ermordet hat. Dabei ist die Verbrecherrate unter den Schizophrenen nicht höher als unter „normalen“ Menschen. Die Medien schüren also die Stigmatisierung.

Welche Leser*innen wollen Sie mit dem Buch ansprechen?

Alle, die sich für Virginia Woolf, die Psyche der Frauen und Psychologie interessieren. Auch Menschen, die mit diesen Themen noch nichts zu tun hatten, da das Buch unterhaltsam angelegt ist. Vielleicht kann das Buch manchen Menschen einen neuen Horizont öffnen.

Was lesen Sie privat gern?

Virginia Woolf, Marcel Proust, Thomas Mann, Sibylle Berg, Brett Easton Ellis, Haruki Marukami, Paul Auster, Christian Kracht, Agotha Kristof, Marlene Haushofer, Doris Lessing, Siri Hustvedt, John Burnside, T.C. Boyle, David Foster Wallace, Max Frisch, Ingeborg Bachmann, Karen Duve, Zeruya Shalev, Helmut Krausser, Peter Handke, Thommie Bayer, Xaver Bayer, Gustave Flaubert, Sylvia Plath, Antonin Artaud, Rainald Goetz, Christa Wolf, Susanna Kaysen, Deleuze und Guattari, Kay Redfield Jamison, Charles Baudelaire, Lautréamont, Fjodor Dostojewski, Julie Orringer, Peter Stamm, Joyce Carol Oates, Gertrude Stein, Nick Cave, Sarah Kane, Thomas Melle, Thomas Bernhard, Herta Müller, Elfriede Jelinek, Julia Kristeva und viele mehr …

Welche Frage, die wir noch nicht gestellt haben, hätten Sie dennoch gern beantwortet?

Was mich an Genie, Irrsinn und Ruhm interessiert:

Unter den Schriftsteller*innen, auch unter Künstler*innen, dort aber weniger, häufen sich Psychosen. Mich interessieren hier die Frauen, die noch vor 70 Jahren so stigmatisiert wurden, dass sie entweder Selbstmord begingen oder in die Psychiatrie abgeschoben wurden. Dies kann noch heute geschehen. Siehe: Brigitte Schwaiger, Aslaja Veteranyi oder Sarah Kane. Selbstmord!

Ich habe neulich ein Kunstprojekt gestartet, das man noch ewig weiterspinnen könnte. Hier habe ich Schriftstellerinnen und Künstlerinnen gemalt, die verrückt geworden sind, Selbstmord begangen haben oder in die Psychiatrie abgeschoben wurden. Ich glaube, das Patriarchat mit der Stigmatisierung der Frauen gilt noch heute. Es ist zwar milder geworden, aber wir haben immer noch nicht die Gleichberechtigung, die wir haben sollten. Wie viele wertvolle, geniale und kreative Frauen sind untergegangen im Patriarchat! Das Plakat, das ich Ihnen angehängt habe, soll als Mahnmal fungieren, als Mahnmal vor allem auch gegen den Suizid.

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Pola Polanksi

Autorin des Titels

Ich bin Virginia Woolf


Wahnsinnsfrauen

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Pola

Polanski

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Pola Polanski ist 1966 in Ulm geboren und arbeitet in Stuttgart als Schriftstellerin, Bildende Künstlerin und Grafik-Designerin. 2008 erschien ihr Kurzgeschichtenbuch „Amokkoma“ im Verlag Knorr von Wolkenstein und 2020 ihre Romane „Abschied“ und „Geile Farbe“ im Telescope-Verlag.

Mehr über die Autorin: www.polapolanski.de