Martina Kissel-Staude

»Der Zweifel läuft bei mir wie ein eineiiger Zwilling mit«

Mein Glaube ist die Hoffnung, dass wir in unserer Sehnsucht nach Liebe und Sinn über das Hier und Jetzt hinaus getragen sind.
Der Zweifel läuft bei mir wie ein eineiiger Zwilling mit. Früher hat mich das niedergedrückt, jetzt lebe ich damit und habe mich daran gewöhnt, dass mein Glaube jede Nahrung mit seinem Zwilling teilt. Der Vorteil ist, dass ich dadurch Fanatismus vermeide und gerne auch die Positionen höre, die ich nicht teile.

Das betrifft sowohl Atheismus und andere Religionen wie auch die oft heftigeren Konflikte innerhalb der Kirche.
Dass ich Jesus folgen will und seinem Zeugnis nacheifere, musste ich dabei noch nicht in Frage stellen. Insofern habe ich Geduld mit Gott – und hoffe, er hat sie auch mit mir.
Kirche ist für mich Heimat, in der ich aufgewachsen bin. Ich habe sie als Ort tiefen Angenommen-Seins und starker Selbstwirksamkeit seit Kindheit und Jugend erfahren. Das danke ich einzelnen Seelsorgerinnen und Seelsorgern – besonders Pfarrer Klaus Greef in seiner Lahnsteiner Zeit – und auch dem freundschaftlichen Zusammenhalt unter der Messdienerschaft und Jugend. Ich habe studiert, um „besser glauben zu können“. Das hat nur bedingt geklappt, aber GERNE glauben und GERNE als Seelsorgerin arbeiten, das kann ich jeden Tag aus ganzem Herzen.
Wieviel Raum die Doppelmoral im Oberbau unserer Kirche einnimmt, habe ich erst in den letzten 12 Jahren mit großer Wucht erkannt. Die Arroganz des Patriarchats war leichter zu ertragen solange Franz Kamphaus Bischof von Limburg war und ich noch nicht wusste, dass auch er wissentlich Priester nach pädophilen Übergriffen als Pfarrer, Seelsorger und Beichtväter (auch von Kindern) in meiner nächsten Nähe eingesetzt hat. Mit Bischof Georg ist nun auch ein Funken Hoffnung zurückgekehrt…
Neben den Kollegen und vielen Christen in „meiner“ Pfarrei – in großer Mehrzahl engagierte Frauen –, gehört auch die Gruppe des Projekts Schwul und Katholisch zu den Menschen, mit denen und für die ich sehr gerne „Kirche“ bin. Obwohl ich 1999 aus Frankfurt weggezogen bin, bleibe ich Euch gerne verbunden und freue mich, einmal jährlich in Maria Hilf Gottesdienst halten zu können. Es ist schon ein Vergnügen, nicht alleine für die Liturgie zuständig zu sein, sondern den eigenen Glauben und die eigenen Gedanken mit Eurer Struktur und Euren Impulsen verweben zu können. Von mir aus kann das bis zu Eurem „Goldenen“ so bleiben.
Herzlich
Martina Kissel-Staude