Ralf Roger Glöckler

Ralph Roger Glöckler, 1950 in Frankfurt am Main geboren, hat Germanistik, Romanistik und Völkerkunde in Tübingen studiert. Seine Leidenschaft für Sprache schlägt sich in seiner Tätigkeit als Übersetzer, vorwiegend portugiesischer Literatur, nieder, bei der er bereits mit den Schriftstellern Mário de Carvalho, Joào Aguiar und José Riço Direitinho gearbeitet hat. Er hat zahlreiche Gedichte, Reiseerzählungen und Romane veröffentlicht, schreibt Texte für Kantate und Oratorien. Heute lebt er glücklich verheiratet mit seinem Lebenspartner in Frankfurt am Main und New York. Im Dezember 2018 ist er mit dem »Heimatpreis für Kultur« der Stadt Kahl am Main geehrt worden.


Ralf Roger Glöckler
Die kalte Stadt

Ein heißer Sommertag in Frankfurt. Ein Zirkus ist in der Stadt, verspricht arabische Genüsse. Vier Männerpaare, deren Geschichten sich verflechten, werden in dieser Novelle wie unter dem Mikroskop beobachtet. Ihre Beziehungen sind komplex, verrückt und gar nicht so verschieden von denen der meisten anderen. Sie kämpfen mit Ängsten, Begierden, kämpfen um Liebe, einen sicheren Ort im Leben. Am Abend, wenn alles in Bewegung geraten ist, treffen sich zwei der Akteure zufällig vor dem Zirkus. Wunderbar. Manege frei für etwas Neues. Zum 70. Geburtstag des Schriftstellers eine Neuauflage seiner Novelle über anspruchsvolle Verhaltensmodelle von schwulen Charakteren. Dr. Sven Limbeck von der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel hat ein Nachwort zu diesem Buch verfasst.


Ralf Roger Glöckler
Die kalte Stadt

Wenn du jetzt erwartest, den Sensenmann auf einem Pferd zu treffen, dann lass das Buch liegen. Auf diesen Seiten gibt es keine schaurige, düstere oder grausame Gestalt zu erblicken. Es wird auch kein Grauen an die Tür klopfen, kein Weinen, kein Betteln, kein Klagen zu hören sein. Aufhören. Nur das Aufhören existiert. Tick-tack, Tick-tack. Das Aufhören ist immer zu hören. Bis zum Zerbrechen. Und sie zerbrechen jeden Tag aufs Neue: Die, die noch kein hohes Alter haben, die keine Erfahrungen besitzen, die sich in einer Entwicklung befinden, nach Frische duften, sich nach Liebe sehnen, Erwartungen und Träume haben. Solche unreifen und labilen Gemüter wirst du hier finden, missbrauchte und selbstbetrogene Leiber, zartrosige Fleischeslüste und sinnliche Entlarvungen. Die Landschaft wird in Ölfarbe getaucht. Das Licht bringt dich in ein Künstleratelier.

Die Sonne wird dich vergeblich versuchen zu wärmen. Immer wieder wirst du ihnen begegnen: jungen Männern, jungen Körpern; wie sie zerbrechen. Bist du stark genug, dieses Aufhören zu hören? Ticktack, Ticktack. TickTack.

Ralph Roger Glöckler zelebriert in diesen fünf Novellen die Eroberungsmesse des Todes über das Leben, ohne Weihrauch und biblische Hallelujas, aber mit wortgewaltiger und aussagekräftiger Sprache. Seine Charaktere stolpern über missverstandene Gefühle, ersuchen den Sinn des Lebens in Kunst, in Hetero- und Homosexualität und verfangen sich in der Unfähigkeit zu sein. Der Tod lauert immer und überall. Als Erlöser. Und trotz des unvermeidlichen Schicksals aller Menschen erweist sich dieses Werk, gerade wegen des Todes, als meisterlich inszenierte Hymne auf das Leben, denn nichts ist wertvoller, nichts ist vergänglicher als das Leben selbst..


Ralf Roger Glöckler
Rückkehr ins Dorf

„Gesine – Hausfrau, lebte für die Ihren.“ Doch eines Tages überwog die Neugier – „ihr Mann Gregor war nicht zu Hause, wagte sie sich vor, stieß die Tür seines Refugiums auf, schaltete die Schreibtischlampe ein, betrachtete Füller, gespitzte Bleistifte und den durchsichtigen Plastiksack, in dem sich ein Bündel beschriebener Blätter abbildete. Gesine fasste sich ein Herz, zog einen Packen loser Bögen aus dem Plastiksack, viele, eng beschriebene Blätter unterschiedlichen Formats, schob sie auseinander, entdeckte Briefpapier, überschriebene Computerausdrucke, fast leere, mit Büroklammern zusammengeheftete Bögen, auf denen außer winzigen Schraffuren nichts zu erkennen war, als hätte sich die Schrift verflüchtigt, säuberlich halbierte Seiten, Postkarten, Zettel, Zeitungsfetzen, auf denen er etwas notiert hatte. Heute Foto zerschnitten, las Gesine auf einem bräunlichen, nicht nummerierten Papier“. und die Familienkatastrophe beginnt in diesem Moment.